Buchtipp des Monats: „Die Stunde der Dilettanten“

4 04 2012

Thomas Rietzschel, früher Kulturkorrespondent der FAZ, hat mit „Die Stunde der Dilettanten“ ein Buch aufgelegt, bei dem man glauben könnte, es sei wie „Nieten in Nadelstreifen“ – kennen wir eh alles.

Zugegeben: Seit Enzensbergers „Mittelmaß und Wahn“ gab es der Beschreibung des Niedergangs eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Eventuell noch, dass die Bewegungsrichtung der Entwicklung weiter mit starkem Gefälle nach unten geht. Trotzdem ist es Rietzschel aus meiner Sicht gut gelungen, in heiterem Ton dem Wahnsinn Gestalt zu geben: Nichtwissen schadet nicht nur nicht, es nutzt in allen politischen und öffentlichen Aufgaben. Es ist Voraussetzung geworden, um ein öffentliches Amt würdig auskleiden zu können oder als „Medienschaffender“ schwadronieren zu dürfen. „The show must go on“ – schreibt Rietzschel. Das ist das ganze und das ganz banale Geheimnis, das sich hinter hektisch zusammengeschnürten „Bildungspaketen“, „Regelsatzerhöhungen“ (und „Rettungsschirmen“, darf man nicht vergessen) und eilig einberufenen „Ethikkommissionen“ ebenso verbirgt wie hinter der Partypräsenz von Klaus Wowereit oder den Berufspraktika, die die Grüne Renate Künast für einen Tag auf den Bauernhof, den Linken Gregor Gysi auf den Bau und die Liberale Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in den Kindergarten führten, vor laufender Kamera, versteht sich.

Völlig unbeschwert von jedem Wissen agiert die politische Klasse inzwischen zu allen Fragen, die unser zukünftiges Leben bestimmen werden: Ausbildung, Energie, Gentechnik, Gesundheit, Wissenschaft und Forschung. Einwanderung. „Jeder kann, soll und darf alles“ schreibt Rietzschel. „Es geht zu, wie weiland im Kinderladen“. Und von dort kommt ja auch nicht selten das heute handelnde Personal. Jeder kann, soll und darf – und warum sollen dann nicht auch die Piraten mal auf Kosten der Allgemeinheit in den Parlamenten üben, sich mal an kommunalen Haushalten versuchen? Vielleicht geht es gut und wenn nicht, mein Gott, hätten es die anderen besser gemacht? Wenn am Ende alles in Trümmern liegt bleibt doch die Erkenntnis: es war alles gut gemeint. Und wer wollte da böse sein.

Dank der Fähigkeit Rietzschels, die Tragödie niederzuschreiben als Komödie kommt man aus den 253 Seiten zumindest ohne größere seelische Schäden heraus. Was man mit dem neuerworbenen Wissen anfangen kann, weiss ich allerdings auch nicht.

Thomas Rietzschel, „Die Stunde der Dilettanten“, wie wir uns verschaukeln lassen, Zsolnay.

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